Short scene between rat pirate Billy Standish and
lechevalier 's fox pirate Jaquard Le Sang. Written in German because it is such an awesome language.
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Seinen Ruf als Pestbeule der Karibik trug Tortuga nicht ganz zu Unrecht. War die Hafenstadt ein pulsierender, bunter Ort für Ungebundene und Gesetzlose gleichermaßen, so schrecklich war der große Sklavenmarkt im Norden der Insel oder die Fledermaustürme auf dem Bergrücken, von wo aus die Lederschwingen ihr Herrschaftsgebiet beanspruchten und ihr infernalisches Gekreisch in die Welt schickten. Und schließlich der Schiffsfriedhof östlich der Stadt, ein Ort der ruhelosen Seelen und der Verbannten, die zwischen den Wracks und dem Treibgut hausten, da die Bruderschaft der Küste sie verstoßen hatte.
Nun war die Anzahl der Bewohner des Schiffsfriedhof überschaubar, war die Nahrung doch rar gesät und man weitestgehend von der Gesellschaft ausgeschlossen. Einen oder vielleicht zwei Bewohner aber konnte der Friedhof mit seinen Krabben, Möwen und Nähe zum Wald versorgen, ohne dass er einen baldigen Hungertod starb. Und der einzige Bewohner war es gewohnt, auf sich allein gestellt zu sein, war Hunger, Durst und Sturm gewöhnt und hat all diesen Plagen getrotzt. Und er war gefürchtet genug, sein Territorium gegen Eindringlinge mit Zähnen und Klauen zu verteidigen.
Billy Standish hatte sich in einem in der Mitte zerbrochenen Rumpf eines Seglers heimisch gemacht. Der Nager achtete sehr darauf, dass ungebetene Gäste es nicht leicht hätten, sich zu ihm zu schleichen. Der Weg allein war schon schwierig, gab es nur einen schmalen, kaum sichtbaren Pfad im Sand, das Gebiet um das Wrack hatte überall in den Boden gesteckte Scherben, Metallspitzen oder Holzpfähle, der einzige begehbare Zugang zum Schiffsinneren war eine kleine Öffnung, durch die viele nur gebückt treten konnten oder gar kriechen mussten, Hornträgern war es sogar unmöglich, unbemerkt einzutreten. Andere Bereiche hatte er mit Seilen gesichert, an denen Scherben und Metallstücke hingen, welche klapperten, wenn jemand nicht vorsichtig darüber strich. Obendrein hatte er sich drei Fluchttunnel gegraben, die in den Wald und in andere Wracks führten. Das Schiffswrack diente nur zum Aufenthalt und zur Verstauung seiner Werkzeuge und der meisten Waffen, er selbst schlich sich jede Nacht in den Wald und schlief in einem Erdloch unter einer mit Gras und Blättern getarnten Holzplatte. Außerdem hatte er überall Stofffetzen mit seinem Geruch aufgehängt, um die Spürnasen der Hunde zu täuschen, jedenfalls lange genug, dass er fliehen konnte, wenn die Zahl seiner Häscher zu groß werden würde.
Logan Silver hatte das Wort Verbannung vermieden, eine Strafe, welche er als König aussprechen konnte und das Ende einer seemännischen Karriere bedeutete. Die Ereignisse der vergangenen Wochen ließen jedoch vorerst keine andere Möglichkeit zu: tief zog sich der Graben zwischen Billy Standish und der Mannschaft der Malice, welche ihm nach dem Leben trachtete, auch wenn ihr Kapitän Le Sang ausdrücklich untersagte, dass man ihm nachsetze. Wobei man jedoch davon ausging, dass er selbst die Ratte am liebsten tot sehen würde, es aber nicht selbst in die Wege leitete, aus Gründen, die nur dem Fuchs bekannt waren.
Die Plünderung von Port Drake war nun drei Monate her, und immer noch war ein Teil von Le Sangs Männern gewillt, sich für den Tod von zehn ihrer Kameraden durch Standishs Hand zu rächen. Zuerst hatten es die Gebrüder MacMoran versucht, in einer von Prahlerei und Alkohol geprägten Nacht, und das war auch die letzte, in der man sie gesehen hatte. Zweifellos hatten die Marderbrüder versucht, ihren fixen Plan in die Tat umzusetzen, doch wurden sie von Standish bezwungen. Man vermutete ihre Leichname in einem der vielen Löcher im Wald, die Billy Standish im Laufe der Jahre für unliebsame wie tote Feinde gegraben hatte. Silvers Entscheidung, die ihm loyale Ratte in den Schiffsfriedhof zu schicken, fiel diesem schwer, hatte der Nager doch ebenso die Sturmgeborenen hinter sich sowie einen Großteil von Mitgliedern der Bathory und vielen Rattenbewohnern der Stadt, mit denen er nach und nach verwandt wurde. Die Spannungen mit dem zu großem Reichtum gekommenen Kapitän Le Sang wollte Silver vermeiden, und in der kurzen Zeit, da die Bruderschaft keinen Hüter des Kodex hatte, welcher zu Ungunsten Standishs hätte entscheiden können, entschied er sich zu diesem Schritt. Eine weise Entscheidung, denn mit dem beliebten Jean Dunois wurde ein neuer Hüter des Kodex gewählt, welcher jahrelang mit Le Sang segelte und diesem äußerst wohlgesonnen war.
Für diese Machtspiele fehlte Standish der Sinn, er musste arbeiten. Hilfe von außerhalb erhielt er nur spärlich, auch wenn es niemandem untersagt war und er kein Verbannter war, so wurde er weitestgehend so behandelt. Louise, seine Frau, brachte ihm ausreichend Werkzeug und Verpflegung, die einzige Person, welche er in das Schiffsinnere einlud. Alle anderen, selbst seine engen Freunde Finnegan, Mullins oder Fritz, wies er schroff ab. Finns Bruder, der Priester Donovan, konnte dem wortkargen Nager nur wenig entlocken. Den meisten Besuch aber erhielt Standish von Feinden. Wochenlang standen Mitglieder der Malice am Eingang zum Schiffsfriedhof, nachdem sie anfangs schon vor dem bewehrten Rumpf standen, und verhöhnten ihn, warfen mit Flaschen, Steinen oder Pferdeäpfeln nach ihm, immer wenn sie ihn sahen, wie er auf dem Rumpf kletterte und irgendetwas reparierte. Der Sohn einer Dirne sei er, seine Kinder würden geschändet werden, und er würde niemals Ruhe finden. Weiter traute sich jedoch niemand, denn alle wussten, dass sie nicht ohne Strafe durch Le Sang blieben, wenn sie ihre Drohungen wahrmachen würden. Es galt nur, Standish zu einer Dummheit zu provozieren. Doch dazu kam es nie. Standish ignorierte sie weitestgehend und reparierte Zerstörungen und Beschädigungen je nach Dringlichkeit.
Unter seiner stoischen Ruhe aber verbarg sich ein erschüttertes Wesen. Port Drake und seine waghalsige Flucht, die mit Toten gepflastert war, und die Wunden die sein Körper und sein Verstand davon trugen, sie gingen nicht spurlos an ihm vorbei, so sehr er auch versuchte, es niemandem zu zeigen. Er musste an Deadlocks Mannschaft denken, jener kleinen Handvoll, die ihn fast schon aufgenommen hatte und die der Ziegenbock opferte, um sich zu retten. Die Frettchenfrau Vermina, die ihn befreite und die neuerliche Flucht vor Hernes Meute ermöglichte, und damit mit ihrem Leben bezahlen musste. An die schrecklichen Stunden im stürmischen Regen, als er sich alleine gegen fünf Jagdhunde durchsetzen und sie töten musste, um zu überleben – und doch wäre er beinahe gestorben, hätte ihn nicht Finn schwer verletzt gefunden. Am meisten aber verfolgte ihn Nan. Die Ziege, deren Kind er zur Welt brachte, auf blutige Weise. Deren Leib von den Männern Le Sangs so zugerichtet war, dass sie die Nacht nicht überstand. Immer noch konnte er, so dachte er, ihr Blut an seinen Händen schmecken, ihre Schreie schien er in stillen Nächten zu hören, und in seinen Träumen starb sie wieder und wieder. Dagegen kannte er nur ein Heilmittel, eines, welches er schon in Port Drake zu nehmen versuchte, als er seinen Hass gegen den Fuchs und seine Mannschaft trug, wobei er eine Schneise des Todes durch die Stadt schnitt. Aber es war nicht genug, das spürte er. Allein die Ausweglosigkeit seines Unterfangens und die beschwörenden Worte Silvers und Louises hinderten ihn daran.
Er hockte auf einem Balken im Inneren des Bugs und blickte durch ein Loch immer wieder auf den Strand hinaus, der zu Tortuga führte. In der erhöhten Position konnte er ein großes Gebiet überblicken, auch wenn nur die wenigsten sich so offen zum Friedhof wagten. Für ungebetene Gäste hatte er immer zwei geladene Pistolen in seiner Nähe, der Gurt mit seinen Wurfmessern hing in der Mitte des Rumpfes an einem Haken. Dazu kam ein Arsenal an Hämmern, Stangen, Pfählen und Nägeln.
Und dann glaubte er, ein Gespenst zu sehen, denn aus Tortuga kam Jaquard Le Sang auf den Friedhof zu. Den Fuchs würde er immer erkennen, die Narbe allein war unverkennbar. Ihre letzte Begegnung hatte er auch nicht vergessen, in brennenden Port Drake unter Kanonenfeuer, als sie kämpften. Beide kamen knapp mit dem Leben davon, und es war ein ihm sehnlicher Wunsch, zu Ende zu bringen, was er in Tortuga angefangen hatte.
Le Sang kam alleine und blieb am Anfang des Pfads zum Schiffsrumpf stehen. Keine Klinge an seiner Seite und kein Pistolengurt. Dafür im feinen Mantel und federgeschmückten Hut. „Ich weiß, dass du da bist“, rief der Fuchs dem Schiff zu.
Seine gelben Augen waren rot entzündet. Für einen Moment überkam ihm der Wunsch, es hier und jetzt zu Ende zu bringen. Aber sicherlich wusste die gesamte Mannschaft der Malice, dass ihr Kapitän hier war, obendrein vermutete er noch weitere Männer hinter den Dünen oder im Wald. Standish fluchte wortlos und steckte sich eine Pistole in den Gürtel, dann sprang er vom Brett hinab und ging nach draußen.
Beide standen sich gegenüber und musterten sich. Die Ratte mit bösem Blick und nacktem Oberkörper, der nun ein paar Narben mehr zierte, Andenken an Port Drake und von Hernes Meute. Der Fuchs, so wusste er, trug ein Souvenir in Form einer Bissnarbe am rechten Lauf, wenngleich das seinen Gang nicht zu beeinflussen schien, was Standish ein wenig bedauerte. Der Fuchs hatte wahrlich kein freundliches Lächeln parat, doch er zeigte keine Fänge und hatte die Ohren nicht angelegt, die Pistole war ihm aber auch nicht entgangen.
„Das letzte Mal, als wir uns hier trafen, wollte ich dich in meiner Crew haben“, sagte Le Sang.
„Das letzte Mal wollte ich dich töten“, erinnerte ihn Standish. „Und daran hat sich auch nichts geändert.“
„Wenn dem so ist, dann erschieß mich doch. Hier und jetzt, wenn es das ist, was du möchtest.“ Der Fuchs breitete seine Arme aus. „Ich weiß, du willst nichts sehnlicher.“
Standish ballte die Fäuste, aber seine Hand ging nicht zur Pistole. Auf die Entfernung mochte er den Fuchs vielleicht treffen, aber ein Fehlschuss und Le Sang hätte bekommen, was er wollte.
„Oder du hörst dir an, was ich dir zu sagen habe, wie wäre es damit?“, bot Le Sang an.
Standish rümpfte die Nase, und Jaquard ließ die Arme fallen.
„Du bist doch ganz schön vernünftig, wenn du es willst. Nun, lass dir gesagt sein, dass es für dich bald ruhiger wird in Tortuga, denn ich gedenke, mich woanders nieder zu lassen. Die Ile de Rais ist ein schöner Ort für Seeräuber wie mich. Meine Männer werden dich dann nicht behelligen und du kannst es dir gut gehen lassen. Dann brauchst du dir auch dieses Domizil nicht mehr.“
Seine Stimme wurde ernster. „Aber solltest du immer noch die Absicht haben, mich töten zu wollen, wirst du zu mir kommen müssen. Dann wird kein Kodex und kein König über meine Schritte wachen oder dich beschützen. Denke nicht, dass ich dir so ohne Weiteres verziehen habe. Komme zur Ile de Rais, und ich werde da sein.“
Ihre Blicke trafen sich, und Standish gab mit seinen Augen mehr preis, als ihm lieb war. „Ich sehe, da lodert immer noch ein Feuer in dir. Du bist wirklich eine außergewöhnliche Ratte. Auch wenn du das Schicksal jeder Ratte teilen wirst, die sich mit einem Fuchs anlegt.“
„Das letzte Mal, als du das dachtest, stand ich über dir und war davor, dich zu töten“, gab Standish zurück.
„Und am Ende wird es auch so sein“, konterte Jaquard mit Trotz. „Glaub was du willst, aber mir wäre es lieber, wir vergessen das Ganze. Doch du bist wirklich entschlossen, das bis zum Tod auszutragen. Hätte ich damals gewusst, was ich in Port Drake losgetreten habe, wem ich da schadete …“
„Deine Männer haben eine schwangere Ziege geschändet und sie sterbend liegen gelassen. Sie wollten meine Frau und die Wildschweinfamilie töten. Alles nur, weil nicht jeder Mann nach deiner Pfeife tanzt.“ Der Nager wurde wütend. „Ich sehe sie Tag für Tag in meinen Armen sterben, mich anflehen, und das wird nur vorbei sein, wenn es dich nicht mehr gibt!“
Jaquard zog die Schnauze zurück und entblößte seine Fänge. „Du weisst, wo du mich findest, Nager!“ Mit einer flinken Bewegung zog er eine Klinge aus dem Mantel – Standishs Dolch, den er in Tortuga zurückgelassen hatte. Jaquard rammte ihn in einen Pfahl. „Hier, das einzige, womit du wirklich umgehen kannst. Das nächste Geschenk werden meine Fänge in deiner Kehle sein.“
Mit diesen Worten drehte sich der Fuchs um und ging den Strand zurück nach Tortuga, ohne sich zu beeilen oder umzudrehen. Er ließ einen wütenden Standish am Schiffswrack, der sich den Dolch nahm und ihn in der Hand wog. Die ihm vertraute Waffe, so scharf wie an dem Tag, als er sie bekam. Die Sonne spiegelte sich in der Klinge.
Er konnte an nichts anderes denken als an Nan, in diesem Moment. Wütend warf er den Dolch in die Bordwand des Wracks, in die Mitte einer Schnitzerei, die an einen Fuchskopf erinnerte, wo der Dolch auch stecken blieb. Für einen Herzschlag meinte er, die Ziege am Strand gesehen zu haben. Er schüttelte seinen Kopf und sie war verschwunden. Doch der Schmerz war noch da.
„Louise“, dachte er, „warum kannst du mich nicht heilen?“
lechevalier 's fox pirate Jaquard Le Sang. Written in German because it is such an awesome language.___
Seinen Ruf als Pestbeule der Karibik trug Tortuga nicht ganz zu Unrecht. War die Hafenstadt ein pulsierender, bunter Ort für Ungebundene und Gesetzlose gleichermaßen, so schrecklich war der große Sklavenmarkt im Norden der Insel oder die Fledermaustürme auf dem Bergrücken, von wo aus die Lederschwingen ihr Herrschaftsgebiet beanspruchten und ihr infernalisches Gekreisch in die Welt schickten. Und schließlich der Schiffsfriedhof östlich der Stadt, ein Ort der ruhelosen Seelen und der Verbannten, die zwischen den Wracks und dem Treibgut hausten, da die Bruderschaft der Küste sie verstoßen hatte.
Nun war die Anzahl der Bewohner des Schiffsfriedhof überschaubar, war die Nahrung doch rar gesät und man weitestgehend von der Gesellschaft ausgeschlossen. Einen oder vielleicht zwei Bewohner aber konnte der Friedhof mit seinen Krabben, Möwen und Nähe zum Wald versorgen, ohne dass er einen baldigen Hungertod starb. Und der einzige Bewohner war es gewohnt, auf sich allein gestellt zu sein, war Hunger, Durst und Sturm gewöhnt und hat all diesen Plagen getrotzt. Und er war gefürchtet genug, sein Territorium gegen Eindringlinge mit Zähnen und Klauen zu verteidigen.
Billy Standish hatte sich in einem in der Mitte zerbrochenen Rumpf eines Seglers heimisch gemacht. Der Nager achtete sehr darauf, dass ungebetene Gäste es nicht leicht hätten, sich zu ihm zu schleichen. Der Weg allein war schon schwierig, gab es nur einen schmalen, kaum sichtbaren Pfad im Sand, das Gebiet um das Wrack hatte überall in den Boden gesteckte Scherben, Metallspitzen oder Holzpfähle, der einzige begehbare Zugang zum Schiffsinneren war eine kleine Öffnung, durch die viele nur gebückt treten konnten oder gar kriechen mussten, Hornträgern war es sogar unmöglich, unbemerkt einzutreten. Andere Bereiche hatte er mit Seilen gesichert, an denen Scherben und Metallstücke hingen, welche klapperten, wenn jemand nicht vorsichtig darüber strich. Obendrein hatte er sich drei Fluchttunnel gegraben, die in den Wald und in andere Wracks führten. Das Schiffswrack diente nur zum Aufenthalt und zur Verstauung seiner Werkzeuge und der meisten Waffen, er selbst schlich sich jede Nacht in den Wald und schlief in einem Erdloch unter einer mit Gras und Blättern getarnten Holzplatte. Außerdem hatte er überall Stofffetzen mit seinem Geruch aufgehängt, um die Spürnasen der Hunde zu täuschen, jedenfalls lange genug, dass er fliehen konnte, wenn die Zahl seiner Häscher zu groß werden würde.
Logan Silver hatte das Wort Verbannung vermieden, eine Strafe, welche er als König aussprechen konnte und das Ende einer seemännischen Karriere bedeutete. Die Ereignisse der vergangenen Wochen ließen jedoch vorerst keine andere Möglichkeit zu: tief zog sich der Graben zwischen Billy Standish und der Mannschaft der Malice, welche ihm nach dem Leben trachtete, auch wenn ihr Kapitän Le Sang ausdrücklich untersagte, dass man ihm nachsetze. Wobei man jedoch davon ausging, dass er selbst die Ratte am liebsten tot sehen würde, es aber nicht selbst in die Wege leitete, aus Gründen, die nur dem Fuchs bekannt waren.
Die Plünderung von Port Drake war nun drei Monate her, und immer noch war ein Teil von Le Sangs Männern gewillt, sich für den Tod von zehn ihrer Kameraden durch Standishs Hand zu rächen. Zuerst hatten es die Gebrüder MacMoran versucht, in einer von Prahlerei und Alkohol geprägten Nacht, und das war auch die letzte, in der man sie gesehen hatte. Zweifellos hatten die Marderbrüder versucht, ihren fixen Plan in die Tat umzusetzen, doch wurden sie von Standish bezwungen. Man vermutete ihre Leichname in einem der vielen Löcher im Wald, die Billy Standish im Laufe der Jahre für unliebsame wie tote Feinde gegraben hatte. Silvers Entscheidung, die ihm loyale Ratte in den Schiffsfriedhof zu schicken, fiel diesem schwer, hatte der Nager doch ebenso die Sturmgeborenen hinter sich sowie einen Großteil von Mitgliedern der Bathory und vielen Rattenbewohnern der Stadt, mit denen er nach und nach verwandt wurde. Die Spannungen mit dem zu großem Reichtum gekommenen Kapitän Le Sang wollte Silver vermeiden, und in der kurzen Zeit, da die Bruderschaft keinen Hüter des Kodex hatte, welcher zu Ungunsten Standishs hätte entscheiden können, entschied er sich zu diesem Schritt. Eine weise Entscheidung, denn mit dem beliebten Jean Dunois wurde ein neuer Hüter des Kodex gewählt, welcher jahrelang mit Le Sang segelte und diesem äußerst wohlgesonnen war.
Für diese Machtspiele fehlte Standish der Sinn, er musste arbeiten. Hilfe von außerhalb erhielt er nur spärlich, auch wenn es niemandem untersagt war und er kein Verbannter war, so wurde er weitestgehend so behandelt. Louise, seine Frau, brachte ihm ausreichend Werkzeug und Verpflegung, die einzige Person, welche er in das Schiffsinnere einlud. Alle anderen, selbst seine engen Freunde Finnegan, Mullins oder Fritz, wies er schroff ab. Finns Bruder, der Priester Donovan, konnte dem wortkargen Nager nur wenig entlocken. Den meisten Besuch aber erhielt Standish von Feinden. Wochenlang standen Mitglieder der Malice am Eingang zum Schiffsfriedhof, nachdem sie anfangs schon vor dem bewehrten Rumpf standen, und verhöhnten ihn, warfen mit Flaschen, Steinen oder Pferdeäpfeln nach ihm, immer wenn sie ihn sahen, wie er auf dem Rumpf kletterte und irgendetwas reparierte. Der Sohn einer Dirne sei er, seine Kinder würden geschändet werden, und er würde niemals Ruhe finden. Weiter traute sich jedoch niemand, denn alle wussten, dass sie nicht ohne Strafe durch Le Sang blieben, wenn sie ihre Drohungen wahrmachen würden. Es galt nur, Standish zu einer Dummheit zu provozieren. Doch dazu kam es nie. Standish ignorierte sie weitestgehend und reparierte Zerstörungen und Beschädigungen je nach Dringlichkeit.
Unter seiner stoischen Ruhe aber verbarg sich ein erschüttertes Wesen. Port Drake und seine waghalsige Flucht, die mit Toten gepflastert war, und die Wunden die sein Körper und sein Verstand davon trugen, sie gingen nicht spurlos an ihm vorbei, so sehr er auch versuchte, es niemandem zu zeigen. Er musste an Deadlocks Mannschaft denken, jener kleinen Handvoll, die ihn fast schon aufgenommen hatte und die der Ziegenbock opferte, um sich zu retten. Die Frettchenfrau Vermina, die ihn befreite und die neuerliche Flucht vor Hernes Meute ermöglichte, und damit mit ihrem Leben bezahlen musste. An die schrecklichen Stunden im stürmischen Regen, als er sich alleine gegen fünf Jagdhunde durchsetzen und sie töten musste, um zu überleben – und doch wäre er beinahe gestorben, hätte ihn nicht Finn schwer verletzt gefunden. Am meisten aber verfolgte ihn Nan. Die Ziege, deren Kind er zur Welt brachte, auf blutige Weise. Deren Leib von den Männern Le Sangs so zugerichtet war, dass sie die Nacht nicht überstand. Immer noch konnte er, so dachte er, ihr Blut an seinen Händen schmecken, ihre Schreie schien er in stillen Nächten zu hören, und in seinen Träumen starb sie wieder und wieder. Dagegen kannte er nur ein Heilmittel, eines, welches er schon in Port Drake zu nehmen versuchte, als er seinen Hass gegen den Fuchs und seine Mannschaft trug, wobei er eine Schneise des Todes durch die Stadt schnitt. Aber es war nicht genug, das spürte er. Allein die Ausweglosigkeit seines Unterfangens und die beschwörenden Worte Silvers und Louises hinderten ihn daran.
Er hockte auf einem Balken im Inneren des Bugs und blickte durch ein Loch immer wieder auf den Strand hinaus, der zu Tortuga führte. In der erhöhten Position konnte er ein großes Gebiet überblicken, auch wenn nur die wenigsten sich so offen zum Friedhof wagten. Für ungebetene Gäste hatte er immer zwei geladene Pistolen in seiner Nähe, der Gurt mit seinen Wurfmessern hing in der Mitte des Rumpfes an einem Haken. Dazu kam ein Arsenal an Hämmern, Stangen, Pfählen und Nägeln.
Und dann glaubte er, ein Gespenst zu sehen, denn aus Tortuga kam Jaquard Le Sang auf den Friedhof zu. Den Fuchs würde er immer erkennen, die Narbe allein war unverkennbar. Ihre letzte Begegnung hatte er auch nicht vergessen, in brennenden Port Drake unter Kanonenfeuer, als sie kämpften. Beide kamen knapp mit dem Leben davon, und es war ein ihm sehnlicher Wunsch, zu Ende zu bringen, was er in Tortuga angefangen hatte.
Le Sang kam alleine und blieb am Anfang des Pfads zum Schiffsrumpf stehen. Keine Klinge an seiner Seite und kein Pistolengurt. Dafür im feinen Mantel und federgeschmückten Hut. „Ich weiß, dass du da bist“, rief der Fuchs dem Schiff zu.
Seine gelben Augen waren rot entzündet. Für einen Moment überkam ihm der Wunsch, es hier und jetzt zu Ende zu bringen. Aber sicherlich wusste die gesamte Mannschaft der Malice, dass ihr Kapitän hier war, obendrein vermutete er noch weitere Männer hinter den Dünen oder im Wald. Standish fluchte wortlos und steckte sich eine Pistole in den Gürtel, dann sprang er vom Brett hinab und ging nach draußen.
Beide standen sich gegenüber und musterten sich. Die Ratte mit bösem Blick und nacktem Oberkörper, der nun ein paar Narben mehr zierte, Andenken an Port Drake und von Hernes Meute. Der Fuchs, so wusste er, trug ein Souvenir in Form einer Bissnarbe am rechten Lauf, wenngleich das seinen Gang nicht zu beeinflussen schien, was Standish ein wenig bedauerte. Der Fuchs hatte wahrlich kein freundliches Lächeln parat, doch er zeigte keine Fänge und hatte die Ohren nicht angelegt, die Pistole war ihm aber auch nicht entgangen.
„Das letzte Mal, als wir uns hier trafen, wollte ich dich in meiner Crew haben“, sagte Le Sang.
„Das letzte Mal wollte ich dich töten“, erinnerte ihn Standish. „Und daran hat sich auch nichts geändert.“
„Wenn dem so ist, dann erschieß mich doch. Hier und jetzt, wenn es das ist, was du möchtest.“ Der Fuchs breitete seine Arme aus. „Ich weiß, du willst nichts sehnlicher.“
Standish ballte die Fäuste, aber seine Hand ging nicht zur Pistole. Auf die Entfernung mochte er den Fuchs vielleicht treffen, aber ein Fehlschuss und Le Sang hätte bekommen, was er wollte.
„Oder du hörst dir an, was ich dir zu sagen habe, wie wäre es damit?“, bot Le Sang an.
Standish rümpfte die Nase, und Jaquard ließ die Arme fallen.
„Du bist doch ganz schön vernünftig, wenn du es willst. Nun, lass dir gesagt sein, dass es für dich bald ruhiger wird in Tortuga, denn ich gedenke, mich woanders nieder zu lassen. Die Ile de Rais ist ein schöner Ort für Seeräuber wie mich. Meine Männer werden dich dann nicht behelligen und du kannst es dir gut gehen lassen. Dann brauchst du dir auch dieses Domizil nicht mehr.“
Seine Stimme wurde ernster. „Aber solltest du immer noch die Absicht haben, mich töten zu wollen, wirst du zu mir kommen müssen. Dann wird kein Kodex und kein König über meine Schritte wachen oder dich beschützen. Denke nicht, dass ich dir so ohne Weiteres verziehen habe. Komme zur Ile de Rais, und ich werde da sein.“
Ihre Blicke trafen sich, und Standish gab mit seinen Augen mehr preis, als ihm lieb war. „Ich sehe, da lodert immer noch ein Feuer in dir. Du bist wirklich eine außergewöhnliche Ratte. Auch wenn du das Schicksal jeder Ratte teilen wirst, die sich mit einem Fuchs anlegt.“
„Das letzte Mal, als du das dachtest, stand ich über dir und war davor, dich zu töten“, gab Standish zurück.
„Und am Ende wird es auch so sein“, konterte Jaquard mit Trotz. „Glaub was du willst, aber mir wäre es lieber, wir vergessen das Ganze. Doch du bist wirklich entschlossen, das bis zum Tod auszutragen. Hätte ich damals gewusst, was ich in Port Drake losgetreten habe, wem ich da schadete …“
„Deine Männer haben eine schwangere Ziege geschändet und sie sterbend liegen gelassen. Sie wollten meine Frau und die Wildschweinfamilie töten. Alles nur, weil nicht jeder Mann nach deiner Pfeife tanzt.“ Der Nager wurde wütend. „Ich sehe sie Tag für Tag in meinen Armen sterben, mich anflehen, und das wird nur vorbei sein, wenn es dich nicht mehr gibt!“
Jaquard zog die Schnauze zurück und entblößte seine Fänge. „Du weisst, wo du mich findest, Nager!“ Mit einer flinken Bewegung zog er eine Klinge aus dem Mantel – Standishs Dolch, den er in Tortuga zurückgelassen hatte. Jaquard rammte ihn in einen Pfahl. „Hier, das einzige, womit du wirklich umgehen kannst. Das nächste Geschenk werden meine Fänge in deiner Kehle sein.“
Mit diesen Worten drehte sich der Fuchs um und ging den Strand zurück nach Tortuga, ohne sich zu beeilen oder umzudrehen. Er ließ einen wütenden Standish am Schiffswrack, der sich den Dolch nahm und ihn in der Hand wog. Die ihm vertraute Waffe, so scharf wie an dem Tag, als er sie bekam. Die Sonne spiegelte sich in der Klinge.
Er konnte an nichts anderes denken als an Nan, in diesem Moment. Wütend warf er den Dolch in die Bordwand des Wracks, in die Mitte einer Schnitzerei, die an einen Fuchskopf erinnerte, wo der Dolch auch stecken blieb. Für einen Herzschlag meinte er, die Ziege am Strand gesehen zu haben. Er schüttelte seinen Kopf und sie war verschwunden. Doch der Schmerz war noch da.
„Louise“, dachte er, „warum kannst du mich nicht heilen?“
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