Vorhergehendes Kapitel / Erstes Kapitel / Nächstes KapitelFive Dragons: Die Legende von Parem:
Kapitel 1: Hetzjagd im DunkelnDunkel und trostlos schwebten die schattigen Wolkenfetzen im kalten Nachthimmel. Dicht lag ein Nebelschleier über dem Tal und schlängelte sich zwischen den scharfen Gebirgsketten hindurch. Leuchtend schien der Mond auf die Landstriche von Ordenary nieder, vermochte es aber nicht die grauen Felder zu durchdringen. Eine unnatürliche Stille herrschte auf der Landstrasse, doch bewegte sich dennoch ein einsames Licht durch den trüben Vorhang.
Eine Kutsche raste auf der Strasse entlang. Der Fuhrmann trieb die Pferde stark an, um das halsbrecherische Tempo zu halten. Stetig warf er einen hektischen Blick zurück. Der Nebel liess das Mondlicht verkümmern und erschwerte ihm die Sicht zunehmend. Dicke Schweisstropfen liefen ihm die angespannte Stirn herunter, die Augen weit geöffnet.
Was war es, das ihn so antrieb? Einfache Eile, oder möglicherweise ein dringlicher Auftrag? Nein, die Angst hatte den Fuhrman fest im Griff und schien der Kutsche wie ein Schatten zu folgen.
Erneut blickte er zurück und zog dabei die Augenbrauen hoch, als er die Strasse hinter sich ansah. Er spürte einen kalten Schauer der ihm über den Rücken lief und zittrig seine Wirbelsäule erklomm. Es schien ihm so, als würde ihn etwas aus der Dunkelheit heraus anstarren. Eingeschüchtert blickte er in den Schatten, als würde er dessen Atem hören und ein kalter Windstoss fegte über seinen Rücken. Der Mann zuckte einige Male zusammen und wandte sich wieder dem Weg voraus zu.
„Heijjaa!“, schrie er den Zugtieren zu und schwang die Peitsche. „Die Pferde halten dieses Tempo nicht mehr lange durch, Herrin!“, rief der Mann durch das offene, vordere Fenster.
Eine schlicht gekleidete Frau sass aufrecht auf der Bank dahinter, die Kapuze ihres Mantels nach vorne gezogen. Sie drehte ihren Kopf leicht zur Seite und sprach mit sanfter Stimme: „Ist in Ordnung Gustav, lass die Pferde etwas langsamer gehen. Wir haben schliesslich noch ein weites Stück vor uns und sollten sie etwas schonen, wenn wir den Weg nicht zu Fuss zurücklegen wollen.“
„Ja, meine Herrin!“, antwortete Gustav, begleitet von einem langen Kopfnicken. Er schloss das Fenster und die Kutsche wurde spürbar langsamer. Die Frau wandte sich zu einem der Seitenfenster. Hektisch wanderte ihr Blick an der passierten Strasse entlang.
„Ich glaube, wir haben sie abgeschüttelt“, murmelte sie leise vor sich hin. Sie blickte zur Rückbank der Kabine, denn sie war nicht alleine unterwegs. Ein Junge klammerte sich eingeschüchtert an der Banklehne fest. Sein Blick war strikt nach vorne gerichtet, als würde er durch die Wagenwand hindurch sehen können. Stur starrte er das Holz an, bis sich schliesslich eine Reaktion in seinen Augen zeigte.
Er wandte seinen Kopf der Frau zu. „Mamma?“, sprach er zögerlich. Die Frau zog ihre Kapuze zurück, liess ihre lange, dunkelbraune Haarpracht nach hinten fallen und erwiderte seinen ängstlichen Blick mit einem schwachen Lächeln. „Ja, Roland?“, fragte sie sanft. „Wie lange dauert das denn noch? Wir sind jetzt schon seit Stunden unterwegs!“, klagte der Junge. „Wir sind bald da, mein Schatz“, antwortete sie langsam, während ihr Blick wieder zögerlich nach draussen zog.
Der Junge folgte aufmerksam den schnellen Zuckungen ihrer Augen. „Wer waren diese Leute vorhin, die auf der Strasse standen?“, wollte Roland wissen und sah seine Mutter mit forderndem Blick an. Die Frau stand auf und setzte sich neben ihren Sohn. Den linken Arm um ihn gelegt, versuchte sie ihren besorgten Gesichtsausdruck zu verbergen.
„Ich weiss es nicht“, begann sie zögerlich und starrte dabei leer in die Kabine. „Wichtig ist jetzt nur, dass wir so schnell wie möglich nach Ironwing gelangen.“ Sie umklammerte ihren Jungen und blickte erneut aus dem Fenster. „Ich hoffe nur, die Nachricht ist noch rechtzeitig eingetroffen.“ Sie legte ihre Stirn auf den Kopf ihres Kindes und versuchte ruhig zu Atmen. „Erinnerst du dich noch an Tante Catherine?“, fragte sie und versuchte das Thema zu wechseln. Roland hielt sich an ihrem Arm fest und horchte ihrem aufgescheuchtem Herzen. „Ja, sie war doch damals mit ihrem …“ Das sich öffnende Fenster unterbrach seine leisen Worte abrupt.
„Meine Herrin, wir haben soeben die Passstrasse erreicht!“, hallte die Stimme des Fuhrmannes ins Innere. Die Frau blickte aus dem Seitenfenster und erspähte den hohen Gebirgszug. Der Graue Pass erstreckte sich weitläufig über den Horizont. „Den Fünf sei Dank. Jetzt ist es nicht mehr weit, bis wir die Grenze passieren.“ Ein zuversichtliches Lächeln machte sich in ihrem ermüdeten Gesicht bemerkbar.
Sie schaute zurück zu der Strasse, auf der sie gekommen waren. Doch ihre Vorfreude wich einem erschrockenen Einatmen. Sie erspähte den Schatten eines Reiters, der unter dem dichten Nebeldach auftauchte. Seine Kapuze tief ins Gesicht gezogen stand er einfach nur da, wartend und beobachtend. Die Frau schaute in den schwarzen Schatten der Kapuze, aus der sie zwei rote Augen anstarrten. „GUSTAV, LOS, BEEILUNG!“, zischte sie geschockt und wandte sich von diesem finsteren Blick ab.
Gustav liess die Peitsche knallen. Die Pferde zogen mit einem kräftigen Schnauben erneut an und die Kutsche nahm mit einem starken Ruck Fahrt auf. Der Fuhrmann hatte den Reiter ebenfalls gesehen und war, wie seine Herrin, darauf aus, die steile Passstrasse so schnell wie möglich zu überqueren.
Der Unbekannte bemerkte, dass die Kutsche schneller wurde. Er neigte seinen Kopf leicht zur Seite und ein scharfer Pfiff schnellte in die Nacht. Zwei weitere Reiter stiessen aus dem Nebel hervor, welche ebenfalls unverzüglich die Verfolgung aufnahmen. Einer der Beiden hielt einen langen Stab, der mit einem violetten Kristall gekrönt war in einer drehenden Bewegung nach vorne.
Der Unbekannte murmelte eine undeutliche Beschwörung vor sich hin und stiess mit der Spitze einmal nach oben. Der Kristall blitzte dabei hell auf.
Auf der steigenden Passstrasse voraus bildeten sich schwarze Wolkenfelder, welche sich säulenförmig zusammenzogen und dem Weg entlang aufschichteten. Ein donnerndes Grollen zog sich durch diese rotierenden Erscheinungen.
„Haltet euch irgendwo fest, das wird eine holprige Fahrt!“, rief Gustav in die Kabine, bevor er das Fenster schloss. Angespannt riss er die Zügel hin und her, wich den blitzenden Säulen aus.
Die Passstrasse war mit kleinen Steinen, Schlaglöchern und Wurzeln der einzelnen Bäume am Strassenrand übersäht, wie die beiden Fahrgäste bei ihrem Tempo nur allzu gut mitbekamen.
Die Frau setzte sich erneut zu ihrem Jungen und hielt ihn umklammert. Roland atmete schwer, hielt sich am Arm seiner Mutter fest. Er wusste, dass etwas nicht stimmte. „Was?!“, schreckte der Junge auf, als es schlagartig dunkel wurde. Ein heller Schein, gefolgt von einem lauten Donnergrollen liess die Insassen zugleich zusammenzucken.
Die Frau riskierte einen kurzen, ängstlichen Blick nach draussen. Schwarze Wolken schwebten über der Strasse, welche das schwache Mondlicht nahezu vollständig aufsaugten. Blitze zogen sich durch die aufgetürmten Formationen und erhellten die Nacht mit ihrem kurzen Schimmer.
Das ist kein normales Gewitter, dachte sie sich. Kein Regen, kein Wind war vorhanden. Nur das Donnergrollen zeigte seine Stimme. Ohne Zweifel war dies das Werk eines Magiers.
Blitze schlugen unweit der Kutsche im Boden und den Bäumen ein. Das Holz fing sofort Feuer und schreckte die Pferde zusätzlich auf. „Meine Herrin!“, drang angestrengt von aussen nach innen. „Wir sind urgh!“ Die Stimme wurde von einem dumpfen Schlag zum Schweigen gebracht. Der Junge zuckte verängstigt zusammen, hielt sich mit den Händen die Ohren zu, als ein weiterer Stromstoss an dem Gefährt vorbeischnellte.
Die Frau stand auf, öffnete hektisch das vordere Fenster und fand einen leeren Fahrerplatz vor. Sie blickte zurück auf den Weg und sah wie Gustav auf der Strasse lag. Was sollte sie jetzt tun? Ihre Gedanken überschlugen sich. Sollte sie anhalten um nach Gustav zu sehen, oder weiterfahren?
Doch in ihren Augen festigte sich ein starrer Blick. Für lange Gedankengänge blieb ihr ohnehin keine Zeit, denn die Pferde zogen weiter an. Unkontrolliert fuhren sie auf der steinigen Strasse. Ein weiterer Blitz schlug im Strassenrand ein und wischte ihr leeres Starren aus dem Gesicht. Sie schaute besorgt zu ihrem Sohn zurück. Kurz darauf wich ihre Mimik einem ernsten Blick. „Halte dich fest!“
Der Junge schaute sie ängstlich an. „Mamma, ich…“ „Roland nicht jetzt!“, unterbrach sie ihn mit bestimmendem Wortklang. „Ich sagte, halte dich fest.“ Roland schluckte einmal schwer und sagte kein Wort mehr. Er schaute nur still zu seiner Mutter, während er sich aufrecht an der Rückwand anlehnte und nach der Banklehne griff. Die Frau blickte nur kurz zurück. Anschliessend kletterte sie aus dem Vorderfenster und griff nach den Zügeln.
Fieberhaft versuchte sie die Pferde auf der Strasse zu halten. Die Panik der Zugtiere und die unebene Fahrbahn erschwerten das Unterfangen zudem. Eine starke Entladung setzte den Baum voraus in Brand. Der Stamm brach, kippte geräuschvoll auf die Strasse und eine Feuerwand versperrte nun den Weg.
Die Frau zog die Zügel panisch nach rechts und das Gespann der Kutsche machte eine scharfe Wende, welche die hölzernen Räder unter der enormen Belastung laut knarren liess. Krampfhaft hielt sie die Zügel stramm. Das Gespann zog den Wagen an der Blockade vorbei, direkt durch eine Wolkensäule hindurch. Ein eisiger Atem stieg ihr in die Lunge, als sie dieses magische Feld durchquerte. Kurz nachdem die Kutsche dieses wieder verlassen hatte, entlud sich ein Blitz daraus. In hohem Bogen schnellte er von hinten über die Kabine und traf das linke Pferd des Gespanns. Es stiess ein verkrampftes Wiehern aus, als es mit brennender Mähne zusammensackte. Durch das Zaumzeug verbunden, wurde das verbliebene Tier ebenfalls zu Boden gerissen und die Räder des Wagens erledigten den Rest.
Der Frau wurden die Zügel buchstäblich aus den Händen gerissen. Verwirrt sah sie zitternd auf ihre blutenden Finger und es dauerte einen Augenblick, den Schock zu überwinden. Noch immer leicht benommen warf sie einen panischen Blick nach hinten und sah die brennende Barrikade und die toten Pferde auf der Strasse. Der Wagen rollte ohne Gespann weiter. Ein tiefes Schlagloch erfasste eines der Räder, die Speichen brachen splitternd auseinander und die Kutsche kippte zur Seite. Die Lenkerin wurde abgeworfen und rollte neben der Kabine den Abhang hinunter. Das Gefährt überschlug sich einige Male und kam zwischen zwei Bäumen zum Stehen. Die Frau landete nicht weit davon am Boden.
Schwach hustend stöhnte sie ihre Schmerzen in die Nacht. Ihr linkes Bein war verdreht und unfähig aufzustehen, kroch sie langsam in Richtung des Wracks. Sie hob ihren aufgeschürften Arm zu der Kutsche hin und griff mit blutigen Fingern panisch in die Luft. „Roland! NEIN!“, schrie sie schmerzerfüllt.
Vor ihren Augen begann alles zu verschwimmen. Doch sie erkannte, wie eine kleine Person aus den Überresten hervorkam. Roland ging langsam auf sie zu, zog dabei sein rechtes Bein hinter sich her und einer Platzwunde an der Stirn. Ein grosser Holzsplitter hatte sich in seine rechte Wade gebohrt und ragte steil aus der blutenden Wunde. Der Junge fiel vor ihr auf die Knie und hustete stark. Sie hob ihren Kopf und hielt ihm ihre Hand an die verschmutzte Wange.
„Ich dachte, ich hätte dich verloren“, flüsterte sie schwach. Roland spürte die zittrigen Finger seiner Mutter und hielt sie mit seinen eigenen fest. Unfähig, im Moment etwas zu sagen liefen ihm nur Tränen über sein Gesicht.
Die drei Reiter hielten vor der brennenden Barrikade an und stiegen von ihren Reittieren ab. Der Anführer stellte sich an die Flammen. Finster starrten seine roten Augen in das Feuer und er begann schwerer Luft zu holen. Es klang bereits mehr nach Knurren als nach Atmen. Beide Hände zu Fäusten geballt ging er energisch auf den flackernden Stamm zu. Der Mann schien dabei grösser zu werden, die Schultern gingen weiter auseinander und seine Schritte wurden schwerer.
„Das sollte SIE bremsen! UND NICHT UNS!“, brüllte er und trat kräftig gegen den Stamm. Ein lautes Knacken begleitete den schimmernden Funkenflug, als der brennende Baum in zwei Teile brach. Die Stammhälften kamen einige Meter entfernt zum Stillstand und gaben die Strasse wieder frei. Viele Bruchstücke verteilten sich grossflächig auf der Strasse und erhellten diese mit einem glühenden Lichtschein.
Mit schweren Schritten ging der wütende Mann die erleuchtete Strasse entlang, kam an einem qualmenden Kadaver und einem überfahrenen Pferd vorbei. Ein zorniges Knurren drang aus seinem Hals, als er daran vorbeistampfte, während ihm seine Kameraden zögerlich folgten. Schlussendlich blieb er vor einem gebrochenen Wagenrad stehen. Er folgte den tiefen Spuren weg von der Strasse und schaute den Abhang hinunter zu einem zerborstenen Wagen.
Schwer atmend zitterten seine Hände, als er aufgebracht auf und ab ging. „Stoppt die Kutsche?“, begann er mit einem überdeutlichen, sarkastischen Unterton. „Zerstört die Kutsche?“, fügte er hinzu. Sein zorniger Blick fiel auf den Magier. Stampfend ging er auf ihn zu und schaute wütend auf ihn nieder. „Stoppt die Kutsche!? Zerstört die Kutsche!?“, wiederholte er seine Worte laut. Mit gehobenen Händen untermauerte er sein Argument. „Stoppt, Zerstört?!“ Einen langen Augenblick starrte er seinen Kameraden an. Kurz darauf packte er den Magier mit einer Hand am Hals, hob ihn mühelos von den Füssen und brachte dessen Gesicht mit dem seinen auf Augenhöhe. Zwei rote Augen leuchteten aus dem Schatten der Kapuze heraus. „KLINGEN DIESE WORTE IRGENDWIE GLEICH?!“
Wild vor Wut warf er den Zauberer einige Meter nach hinten und ging mit breiten Schritten auf den Abhang zu, wo er zu dem Wrack hinabsah. Der Mann atmete schwer vor sich hin und versuchte, seinen Zorn zu bändigen. Hektisch wich sein Blick über die Unfallstelle, bis ihm eine schmerzende Stimme in die Ohren drang. „Roland! NEIN!“, trug das Echo durch die Nacht.
Der Mann senkte seine Arme und stellte sich wieder gerade hin. Er atmete einmal stark aus und neigte den Kopf zur Seite bis ein Knacken zu hören war. „Doch noch nicht alles im Arsch!“, murmelte er laut vor sich hin. Bestimmend zeigte er mit einem Arm den Abhang hinunter. „Da unten!“, rief er aggressiv seinen zwei Begleitern zu, welche sich sofort auf den Weg machten.
Erschrocken vernahm die Frau die bedrohliche Stimme. „Du musst sofort verschwinden Roland!“, sprach sie hektisch. Sie blickte ängstlich hoch zu den sich nähernden Männern und dann wieder zu ihrem Sohn. „Ab.. Aber wohin soll ich denn gehen?“, fragte Roland unsicher. „Lauf zu den Bäumen, verstecke dich in den Schatten! Lass nicht zu, dass sie dich finden.“ Sie deutete mit ihrer Hand zu den schattigen Umrissen im Nebel. Roland liess seinen Tränen freien Lauf und schüttelte verneinenden den Kopf. „Ich will aber nicht weg! Ich will bei dir bleiben!“, schluchzte er niedergeschlagen. Der Junge beugte sich zu ihr herunter und umarmte sie.
Ihr Arm umklammerte den Jungen fest. Sie gab ihm einen Kuss auf die verschmierte Wange und sah ihm mit warmem Blick direkt in die Augen. „Ich liebe dich, vergiss das nicht.“ Er betrachtete ihr liebevolles Lächeln. Jenes Lächeln, wie es nur seine Mutter hatte. Das schwache Mondlicht spiegelte sich in den Tränen ihrer geweiteten Augen. Mit letzter Kraft stiess sie ihren Sohn von sich weg. „Und jetzt lauf, LOS!“, keuchte sie hinterher.
Roland lag erschrocken da, schaute hoch zu den sich nähernden Männern und dann erneut zu seiner Mutter. Mühselig richtete er sich auf und humpelte die ersten Schritte von ihr weg. Der Junge stand im Schatten des nahen Baumes und warf einen traurigen letzten Blick zurück. Er schloss beide Augen und presste eine schwere Träne heraus, die einsam zu Boden fiel. Danach wandte er sich ab und zerrte sich etwas unbeholfen in die Nacht. Seine Mutter beobachtete seinen Umriss, bis er im Nebel verschwand und brach dann erschöpft zusammen.
Die drei Männer hatten unterdessen das Wrack erreicht. „Ihr zwei durchsucht die Überreste!“ Eine tiefe und bedrohliche Stimme liess die Frau erwachen. „Und ich kümmere mich in der Zwischenzeit um dieses hier.“ Der Mann stand vor der Frau. Zögerlich blickte sie nach oben. Leicht verschwommen erkannte sie eine grosse Gestalt. Er packe sie am Hals, hob sie vom Boden hoch und hielt sie vor sein Gesicht, während ihre Beine lose in der Luft hingen.
„Sieh an, Sieh an! Wen haben wir denn da?“ Der Mann kippte seinen Kopf leicht zur Seite. „Beim zweiten Mal scheint sich unser Treffen zu meinen Gunsten zu entwickeln.“ Sein Griff um ihren Hals wurde enger und sie fing schwach an nach Luft zu schnappen. „Dachtest du, es wäre so einfach, uns los zu…“ „Der Junge ist nicht hier! Das Wrack ist leer!“, unterbrach ihn einer seiner Kameraden. Die Stimme des Anführers wurde lauter, während er die Frau einmal durchschüttelte: „Rede! Wo ist der JUNGE!“ Er lockerte seinen Griff etwas, um ihr genug Luft für eine Antwort zu lassen. „Fahr zum Knochenhof!“, keuchte sie aus ihrem Hals.
„Der Knochenhof? Ist das alles, was dir noch einfällt?“ Er hob eine Augenbraue und setzte ein diabolisches Lächeln auf, während er ihr tief in die Augen starrte. „Sag mir, was willst du noch sinnlos für ihn opfern?“ „Alles …“, keuchte sie krampfhaft, während sie vergeblich versuchte, nach seinem Gesicht zu schlagen. Er schaute ihr gierig in die Augen, während er ihren Hals mehr zudrückte. Sie klammerte beide Hände an seinem Arm fest und rang panisch nach Luft.
Er starrte ihr tief in die Augen, genoss es, wie der Funke des Lebens darin zu verlöschen begann und er lächelte zufrieden dabei. Mit einem Ruck war ein leises Knacken zu hören und ihre Gliedmassen erschlafften mit einem verkümmerten Röcheln. Ihr Kopf neigte sich mit trüben Augen leicht zur Seite und anschliessend warf er den leblosen Körper in die Überreste der Kutsche. Zuletzt wandte er sich seinen Kameraden zu.
Einer kniete im Schatten eines Baumes. „Hier sind Fussspuren und Blut! Sie führen in diese Richtung“, sprach er und deutete in den Nebel. „Weit ist er mit solch einer Verletzung sicher nicht gekommen“, fügte er dem hinzu. Der Anführer winkte kurz mit dem Arm. „Wartet ihr noch auf eine Einladung?! Holt euch den Bastard!“
Roland zerrte sich durch die Dunkelheit, nicht wissend, wo er hinging oder war. Jeder Schritt schmerzte wie tausend Nadelstiche. Der unangenehme Impuls schnellte durch seine Muskeln, liess jede seiner Bewegungen krampfhaft stocken, dazu waren seine Verfolger nicht weit hinter ihm.
Schliesslich lichtete sich der Nebel etwas und er erreichte einen steilen Klippenvorsprung. Von der erhöhten Position aus betrachtete er einen riesigen Wald unter dem Nachthimmel. Er schnappte schwerfällig nach Luft, als er seinen Blick über den schier endlosen See aus Bäumen gleiten liess. Könnte das der Darkwinterwald sein, von dem mir Mamma einmal erzählt hatte?, dachte er vor sich hin. Mamma, hallte es niedergeschlagen durch seinen Kopf. Seine Gedanken kehrten zu dem Augenblick zurück, in dem er sie das letzte Mal sah. Er strich sich mit den Fingern über die Wange, als spürte er die flüchtige Wärme ihrer Hand noch immer.
„Soso … Das ist er also? Roland!?“ Eine tiefe Stimme riss ihn aus seiner Erinnerung. Er drehte sich erschrocken um, mit dem Rücken zur Klippe. Drei Männer standen im Halbkreis um ihn herum, die Kapuzen ihrer Mäntel tief ins Gesicht gezogen. Einer hielt ihm einen Stab entgegen und die Spitze daran begann in einem violetten Schein zu leuchten. Der Grosse in der Mitte machte einen schweren Schritt nach vorne und zeigte mit einem Finger auf den Zauberer. „Nein! DIESES MAL nicht!“, brüllte er dem Mann zu. Dieser senkte darauf zögerlich seinen Stab und das Schimmern dimmte ab. Gekonnt schwenkte er ihn im Anschluss hinter seinen Rücken.
Der Anführer wandte sich erneut dem Jungen zu. „Und jetzt? War´s das?“ Er drehte sich um und hielt beide Arme auseinander. „Können wir nun endlich mit diesem verschissenen Deppentheater aufhören?!“ Seine Stimme wurde deutlich lauter. „Aber dennoch muss ich zugeben, dass ich es nicht verstehe. Wie kann ein Furz wie du diesem Wichser nur solche Kopfschmerzen bereiten? Aber egal.“ Er blickte erneut zu dem Jungen. „Ich werde einen Pickel an meinem Arsch nach dir benennen, für den ganzen Aufwand, den du mir bereitet hast!“ Er zeigte energisch mit seinem Finger auf den Bereich neben ihm. „Sei jetzt also ein braves Bürschchen und komm hierher!“
Der Junge erwiderte den starren Blick des Anführers, sagte aber kein Wort. Er machte nur einen kleinen Schritt rückwärts Richtung Klippe. Sein Bein knickte leicht ein und beinahe verlor er das Gleichgewicht. Der Anführer machte wütend einen Schritt nach vorne und zog die Kapuze zurück. Zum Vorschein kam ein glatzköpfiges Gesicht. Kräftige, rote Augen stachen daraus hervor, und eine Tätowierung zierte die rechte Wange. Das Motiv zeigte einen Drachenflügel, der von einer geraden Klinge aufgespiesst wurde. Von der linken Seite zog sich eine breite Narbe beim Hals beginnend nach oben über die Wange bis zu seinem Ohr, welches gespalten war.
Stur starrte der Mann die kleine Person an. „Ist das dein Ernst, Junge?“ Er streckte seine Hand nach vorn und richtete seinen dicken Zeigefinger auf ihn. „Du kannst mit diesem Bein nicht mal richtig laufen, geschweige denn fliegen!“ Sein Wortklang wurde aggressiver. „Ich werde es jetzt kein weiteres Mal sagen. KOMM HIERHER!“ Er stampfte einmal mit dem Fuss auf den Boden, die Hand zur Faust geballt. Die beiden anderen Männer beobachteten still die angespannte Szene.
Roland spürte eine leichte Brise, die von der Klippe her nach oben stieg. Ein leises Echo fand den Weg in seine Ohren. „Roland …“, hörte er eine weibliche Stimme in der Ferne. Er machte einen weiteren Schritt nach hinten, als ihn erneut eine Schmerzwelle erfasste. Der Junge verlor das Gleichgewicht und fiel dabei über die Kante. In dem Aufwind schien es ihm, als hörte er das Schlagen von grossen Flügeln. Er schloss die Augen und liess sich fallen.
Die beiden Männer neben dem grossen Glatzkopf machten einen erschrockenen Schritt nach vorne, als sie den Jungen in die Dunkelheit stürzen sahen. Der Anführer selbst reagierte allerdings gar nicht. „Hmpf!“, war dumpf aus seinem Mund zu hören. Er zog die Kapuze wieder hoch und verbarg seinen Gesichtsausdruck vor seinen Kameraden. „Findet ihn, oder das, was von ihm übrig ist!“, sprach er zornig und winkte mit dem Arm zu der Klippe. „Ich muss das, hrmf melden“, fügte er wütend hinzu. „Und wagt es ja nicht, mit leeren Händen zurückzukehren!“
Die beiden Männer stellten sich an den Rand der Klippe und warfen ihre Blicke nach unten. „Und wie sollen wir…?“ „Lasst euch was einfallen!“, brüllte ihm der Anführer dazwischen. Der Befehlshaber drehte sich um und machte sich auf den Rückweg, während seine beiden Kameraden ihre Aufmerksamkeit über den Rand der Klippe warfen.
Roland fiel immer weiter nach unten. Die Augen geschlossen wurde es still um ihn.
Es vergingen mehrere Stunden. Der nächste Morgen war bereits angebrochen und einzelne Sonnenstrahlen lagen auf seinem Gesicht. „Mamma!“, schrie Roland geschockt, als er aufwachte. Den Arm weit ausgestreckt griff er leer in die Luft. Er sah den Schatten seiner Mutter, der nach und nach verschwand und blickte in ein helles Licht, welches von der Decke herabschien.
Roland hörte sein eigenes Echo aus den Tunneln zurückhallen, als er einen starken Schmerz von seinem Unterschenkel hoch spürte, welcher ihn zusammenzucken liess. Er sass aufrecht in einem hohen Gewölbe und hielt sich sein verletztes Bein. Pochend drückten die Schmerzwellen bis in seinen Kopf hoch. Aufmerksam wanderte sein Blick dennoch an den Wänden entlang. Wo er war, wusste er nicht.
Ein schwacher Lichtkegel fiel auf ihn herab. Das helle Licht drang durch eine schmale Spalte an der Decke und schützend hielt er eine Hand zwischen den grellen Schein und sein Gesicht. Er versuchte, dessen Ursprung zu erkennen, doch es blendete ihn zu stark. Anschliessend kroch er aus dem Licht.
Als sich seine Augen etwas an die Dunkelheit gewöhnt hatten, erkannte er einige Umrisse. An der einen Wand stand ein grosser leerer Trog, daneben lag ein flacher Haufen vertrocknetes Heu. Auf der anderen Seite zeigten sich skelettierte Überreste. Er konnte aber nicht feststellen, von welchem Tier diese stammten. Der Raum sah aus wie eine Schlafstätte, nur nicht für einen Menschen. Wer oder was hat hier wohl gelebt?, fragte sich der Junge, als er erneut eine stechende Schmerzwelle verspürte.
Er sah zu seiner Wunde hinunter. Der Splitter ragte immer noch steil aus seinem Unterschenkel, welcher die Bewegung des Beines stark einschränkte. Wohl wissend, dass er mit diesem Holzstück da drin nicht weit kommen wird, fasste er den Entschluss, es herauszuziehen.
Roland griff mit einer Hand danach und schreckte schmerzerfüllt auf. Allein die Berührung des Holzes war schon unangenehm und liess ihn ein weiteres Mal zusammenzucken. Er konzentrierte sich aber darauf, den Splitter loszuwerden und atmete einmal schwer ein. Der Junge kniete sich hin und stellte den Fuss von seinem verletzten Bein auf den Boden, dann griff er mit beiden Händen nach dem Holzsplitter.
Roland holte tief Luft und drückte mit seinem ganzen Körpergewicht auf sein verwundetes Bein, während er ruckartig an dem Spiess zog. Unter enormen Schmerzen stöhnte er auf. Das Holz bewegte sich nur schrittweise heraus. Er nahm nochmals einen tiefen Atemzug und riss erneut mit aller Kraft daran.
Sein angestrengtes Stöhnen, gefolgt von einem lauten Aufschreien, hallte in dem Gewölbe wieder, während das blutige Holzstück zu Boden fiel. Gelähmt vor Schmerzen sackte Roland zusammen und blieb auf dem Rücken liegen. Ihm wurde kurz schwarz vor Augen und er starrte leer an die Decke, als er schwerfällig atmete. Der Junge verharrte einige Augenblicke hustend am Boden und liess den intensiven Moment abklingen. Anschliessend riss er einen Ärmel von seiner Jacke ab und band ihn um die blutende Wunde. Der Schmerz war zwar noch vorhanden, aber wenigstens konnte er das Bein wieder besser bewegen.
Roland schaute sich erneut im Raum um. Nur einen hohen Gang konnte er entdecken, welcher tiefer in das Gewölbe reichte. Es war ein schwacher Lufthauch zu spüren, der ihm aus dem Tunnel entgegen kam. Verwundert blickte er hinein. „Roland …“, flüsterte der schwache Luftstoss durch den Raum. Zumindest dachte er, es würde so klingen.
Roland zog sich an einer der Wände hoch und machte die ersten schweren Schritte auf das Flüstern zu. Das Licht im Inneren war schwach und reichte gerade mal aus, um den Boden und die Wände erkennen zu können. Bei dem Durchgang angekommen erkannte er ein helleres Leuchten am Ende. Kurz verweilte er und atmete gelassen ein. Anschliessend machte er sich auf den langen Weg in den dunklen Gang.
Er stützte sich an der Wand entlang, während er langsam voranschritt, immer dem Licht entgegen. Einen Fuss vor den Anderen. Spinnweben und Wurzeln hingen von der Decke, zeigten unmissverständlich, dass hier schon lange niemand mehr gewesen war. Seine Gedanken fingen an abzuschweifen: Ist es ein Ausgang am Ende des Weges? Wird er es lebendig hier herausschaffen?
Niemals hätte er es sich vorstellen können, sich in einer solchen Situation vorzufinden. Noch nie auf sich alleine gestellt, war es eine intensive Erfahrung für ihn. Doch auf unerklärliche Weise fand er ein wenig Gefallen daran.
Seine aufkommende Erinnerung an seine Mutter liess ihn aber in Trauer versinken. Vor seinem geistigen Auge sah er diese drei Männer wieder. Diese Unbekannten, welche für all das verantwortlich waren. Er sah den rot schimmernden Blick des Glatzkopfes, welcher ihn finster anlächelte. Eines Tages werde ich diese Unbekannten finden, und dann wird Gleiches mit Gleichem vergolten werden! Er schlug wütend mit der Faust gegen die Wand. Ein Stein löste sich ab und fiel ihm auf den rechten Fuss. Dies holte ihn sogleich aus seinen Gedanken zurück. Das Ende des Tunnels war bereits erreicht, doch handelte es sich dabei nicht um den erhofften Ausgang.
Roland hatte eine kuppelartige Kammer vorgefunden. Der Raum war strukturiert wie eine Gebetshalle. Von den Wänden hingen zerlumpte Banner, das Muster darauf war jedoch zu stark verwittert, um etwas zu erkennen. Modrige Holzbänke waren im Halbkreis um die Mitte angeordnet. Er wischte mit seiner Hand die Spinnweben zur Seite und trat in den Raum. In der Mitte stand ein grosser, runder Sockel. Steinerne Verzierungen waren eingearbeitet und ähnelten den Erscheinungen von Drachen. Ein Lichtkegel drang durch eine runde Öffnung von der Decke und traf vor dem Sockel auf dem Boden auf. Ein Schatten lag in dem Lichtkreis. Ein seltsames Wappenkreuz, das ihm aber irgendwie vertraut vorkam, obwohl er es jetzt zum ersten Mal sieht.
Das Licht fiel auf einen auffälligen Steinkreis auf dem Boden. Die kleinen Bruchstücke zeigten unverkennbar das Abbild eines orangeroten geflügelten Drachens. Roland schritt langsam über das kunstvolle Mosaikmuster auf den Sockel zu. Auf der steinernen Unterlage befand sich ein grösseres, ovales Objekt, umringt von zahlreichen, verwitterten Lumpen. Der Junge trat näher heran und hielt neugierig eine Hand darauf. Dabei geriet es überraschend ins Rollen und kam auf ihn zu. Erschrocken stemmte er sich dagegen, bevor es von dem Sockel zu fallen drohte. „Uff!“, stöhnte er angestrengt. Roland hielt das grosse, steinähnliche Objekt schwerfällig in den Armen, konnte das Gewicht aber mit dem schmerzenden Bein nicht lange halten. Sein Knie knickte zittrig ein und er liess sich langsam damit auf den Boden sinken.
Der Junge setzte sich ermüdet daneben und legte einen Arm darüber. Es fühlte sich warm an und pulsierte schwach, wie ein Herzschlag. „Seltsam?“, murmelte er vor sich hin. Für einen Stein von dieser Grösse scheint er zu leicht zu sein, dachte er und schaute sein Fundstück im Lichtschein an. Der grosse, ovale Gegenstand hatte eine dunkle, orangerote Färbung. Ausserdem glitzerte er schwach im hellen Schein. „Das ist aber etwas ganz Besonderes!“, gab er erstaunt von sich und lehnte sich mit dem Rücken an den Steinsockel an. Er legte einen Arm um das ovale Objekt, drückte es etwas mehr an sich und spürte, wie dessen Wärme auf ihn überging. Das Pulsieren, das davon ausging, hatte eine angenehm beruhigende Wirkung auf den Jungen.
Den sonderbaren Stein im Arm, die wärmende Temperatur, die ihn erfüllte und dieser sanfte Rhythmus. Er war von dem beschwerlichen Weg viel zu erschöpft, um weiter darüber nachzudenken. Die Müdigkeit übernahm die Oberhand und langsam fielen ihm die Augen zu.
Es wurde still um ihn und nur ein warmer Herzschlag war zu spüren. Begleitet von diesem sanften Puls an seiner Seite schlief Roland schliesslich ein.
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Am Abend zuvor in Ironwing…
Hell brannte die Sonne hinter den grauen Wolkenfeldern und färbte den Horizont bereits mit einem rötlichen Schein. Flach fiel das Licht auf das grosse Anwesen, kletterte die efeubewachsene Fassade hoch und fiel durch breite Fenster ins Innere.
Eine elegant gekleidete Frau sass in ihrem Arbeitszimmer und brütete über einem Buch. Ihre lange, dunkelbraune Haarpracht hing über ihre linke Schulter gelegt nach unten. Die Tür öffnete sich rasch und ein schwer atmender Mann trat ein. Sie hob ihren Blick und sah ihn fragend an. „Was ist los, Daniel? Stimmt etwas nicht?“ „Verzeiht, dass ich euch störe, Herrin Catherine!“, sprach er angespannt. Er hielt einen kleinen Zettel in der Hand, welchen er ihr unverzüglich entgegen streckte. „Eine Nachricht von eurer Schwester hat uns soeben erreicht“ „Was?“, entgegnete sie verwundert und nahm das Schriftstück hektisch an sich. Mit nachdenklichem Blick las sie die Zeilen, doch zog sie erschrocken die Augenbrauen nach oben.
Ihr Blick festigte sich aber schnell in einer ernsten Mimik. „Daniel, los sattle sofort die Pferde und spann den Wagen vor!“ „Unverzüglich“, gab er mit einem Kopfnicken als Antwort. „Darf ich den Grund erfahren?“, fragte er zögerlich nach. „Keine Zeit für Erklärungen, wir müssen schnellstmöglich los!“ Sie erhob sich aus dem Sessel und ging zur Tür. Daniel schaute sie aufmerksam an. „Noch etwas?“ „Ja“, antwortete sie bestimmend. „Sag der Garde Bescheid. Sie werden mich begleiten.“
Sie ging zur Tür hinaus in den vorderen Eingangsbereich des Anwesens. Daniel folgte ihr bis zur Treppe. „Auch Koris, Herrin?“, fragte er nachdrücklich. Sie blieb kurz auf der Treppe stehen und drehte ihren Kopf zur Seite. „Ja. Du hast eine halbe Stunde, Daniel.“ Anschliessend setzte sie ihren Weg nach oben fort.
Daniel nickte langsam und machte sich sogleich auf den Weg. Draussen marschierte er eilig zu der Kaserne neben dem Hauptgebäude, wo er die Soldaten informierte. Zuletzt machte er sich zu den Ställen auf. Ein Mädchen kam ihm dabei entgegen. „Hey, Daniel!“, rief sie mit einem breiten Lächeln. „Warum hast du es denn so eilig?“, fragte das Kind und stellte sich vor ihn hin, die Arme in die Hüften gestemmt und dabei den Kopf leicht schräg gehalten. Daniel ging eilig um das Mädchen herum. „Keine Zeit für Erklärungen, kleine Rebecca. Habt Ihr Tim irgendwo gesehen?“ Das Kind verzog ihr Gesicht. „Ich bin nicht klein!“, meckerte sie. „Und Tim ist im Stall.“
Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, machte sich Daniel auf zum Stall und riss das Tor auf. „Timmy, wo bist du?!“, rief er laut. Die meisten Pferde schreckten daraufhin auf. Tim tauchte hinter der Tür auf und stichelte Daniel mit dem Finger in die Seite. „Geht das auch ein wenig leiser? Du scheuchst die Tiere auf“, gähnte er ihn an. Er trat vor ihn hin, schüttelte seine blonden, zerzausten schulterlangen Haare aus und streckte die Arme aus. „Ausserdem hast du mich geweckt“, ergänze er verschlafen. „Also?“, begann er und setzte sich auf den Heuballen, der neben dem Tor lag und legte die Beine aufeinander. „Was liegt an?“
„Keine Zeit für sowas!“, meckerte Daniel. „Schwing deinen Hintern hoch und hilf mir, die Pferde zu satteln und den Wagen vorzuspannen!“ Er ruderte hektisch mit beiden Armen und sah Tim streng an. „Los mach schon, nicht trödeln. Wir haben nicht lange Zeit. Bewegung, Bewegung, Bewegung!“ Tim legte Daniel eine Hand auf die Schulter und hielt ihm einen Finger ins Gesicht. „Du brauchst dringend etwas zur Beruhigung.“ Er zwinkerte ihm einmal zu. „Ich hab da nachher was Passendes für dich. Dann wirst du wieder etwas lockerer.“ Ein breites Grinsen zierte sein Gesicht. Daniel verdrehte mürrisch die Augen. „Was mich im Moment am meisten beruhigen würde, wäre ein vorgespannter Wagen und gesattelte Pferde!“ Er hielt sich die Hand an die Stirn. „Wie wäre es also, wenn wir das hier so schnell es geht erledigen und diese Unterhaltung später weiterführen? In Ordnung?“ „Sicher doch“, antwortete Tim mit einem verschlafenen Lächeln. „Alles klärchen“, fügte er dem hinzu.
„Gut!“, begann Daniel erleichtert. „Dann kannst du jetzt mal klärchen den Wagen aus dem Schuppen holen?“ Er sah Tim mit ernster Miene an. Timmy stand kurz regungslos da. Hob dann eine Hand und zeigte mit dem Finger auf Daniels Gesicht. „Du kannst einen echt lange anstarren, ohne blinzeln zu müssen. Wie machst du …“ Daraufhin platzte Daniel der Kragen.
Rebecca stand vor den Ställen. Lauter Schimpfworte lagen in der Luft und ein Poltern und Scheppern drang nach draussen. Das Tor fiel schnell auf und Tim flog in hohem Bogen heraus. Zu seinem Glück landete er weich im Dreck. „SCHUPPEN, WAGEN, JETZT!“, war noch laut zu hören, bevor sich die Tür wieder schloss. Rebecca zog eine Augenbraue nach oben, während sie Tim ansah. „Er ist heut mal wieder etwas angespannt, oder?“ Timmy zuckte mit den Achseln und neigte seinen Kopf zur Seite. „Meine Rede“, sprach er, stand auf und klopfte sich die Hose aus.
Er beugte sich zu dem Kind herunter und sah sie mit einem Augenzwinkern an. „Hast du Lust, mir zu helfen, den Wagen zu holen?“ Rebecca setzte ein fröhliches Lächeln auf. „Ja und ob! Wohin gehen wir denn?“, fragte sie nach. „Oho hoo! Du und ich gehen nirgendwo hin“, kam schnell als Antwort. Er drehte sich zu ihr um und zeigte mit dem Finger auf sie. „Deine Mutter geht irgendwo hin.“ Er blickte zum Anwesen zurück, wo sich acht uniformierte Männer aufstellten. Tim zog die Augen zusammen und deutete mit dem Kopf zu den Wachen. „Und so wie es aussieht, geht sie nicht alleine. Komm, wir beeilen uns besser.“
Der Wagen stand in kürzester Zeit bereit, die Pferde vorgespannt und die Garde startklar. Catherine trat aus dem Haus. „Sind alle bereit?“, fragte sie. Die Männer salutierten und der Hauptmann sprach. „Bereit zum Aufbruch, Lady Catherine.“ Sie ging weiter auf die Kutsche zu.
„Wo gehst du denn hin?“, fragte ein kleines Mädchen die Frau. Sie kniete sich schnell zu dem Kind nieder und schloss es kurz in den Arm. „Das erkläre ich dir, wenn ich zurückkomme Rebecca“, antwortete sie. „Solange ich weg bin, hörst du schön brav auf das, was Conrad sagt, verstanden?“ Wortlos nickte das Mädchen ihrer Mutter zu. Die Frau stand wieder auf und stieg in die Kutsche ein. „Los geht’s!“, rief sie zu den Männern. „Auf zum Grauen Pass. Sehen wir zu, dass wir schnellstmöglich an der Grenze ankommen.“
Die Gruppe setzte sich in Bewegung und passierte das geöffnete Tor des Anwesens zur Strasse hinaus. Rebecca winkte der Kutsche zu und lief ihr ein Stück weit auf der Einfahrt hinterher. Daniel und Tim schauten der Truppe zu, bis sie hinter der nächsten Biegung verschwand. Still wurde das Tor vom Wachposten wieder geschlossen.
„Soo…“, seufzte Tim. Er stemmte eine Hand in die Hüfte und packte Daniel an der Schulter. „Und jetzt unternehmen wir etwas gegen deinen Stress!“ Daniel schüttelte den Kopf und schlug sich mit der Hand gegen die Stirn. „Oh Mann!“, murmelte er.
Die Nacht brach herein. Der Mond stand hoch und schimmerte auf die dichten Nebelfelder, welche den Gebirgszug eingehüllt hatten. Die Kutsche kam geschwind vorwärts und erreichte den Rand des Darkwinter-Waldes, begleitet von sechs uniformierten Reitern.
„Lady Catherine!“, rief der Fuhrmann. „Da ist die Passstrasse!“ Wir beeilen uns besser, dachte sie angespannt und schaute besorgt aus dem Fenster, betrachtete die graue Bergkette. „Hoffentlich erreichen wir sie rechtzeitig“, seufzte sie. Mit schnellem Tempo bewegte sich die Gruppe auf der steinigen Strasse.
„WAS ZUM!?“, schrie der Fuhrmann erschrocken und riss die Zügel stark zur Seite. Das Fuhrwerk schwenkte mit der Kutsche scharf nach links und drohte dabei beinahe zu kippen, kam dann aber ohne Schaden zum Stehen. Catherine stieg hastig aus und schaute erschrocken auf die Strasse. Ein einzelner Mann stand da, mittlerweile von ihrer Begleitung eingekreist. Sie ging energisch auf den Fremden zu. „Was hat das zu bedeuten?“ Erstaunt hoben sich ihre Augenbrauen, als sie die Person erkannte.
„Gustav! Was machst du denn hier?“, fragte die Frau besorgt. „Säulen, schwarze Säulen, Blitze, der Baum, Reiter“, stotterte der Mann völlig verwirrt und ging hektisch auf und ab. „Immer der Strasse nach.“
Sie schaute ihn skeptisch an und bemerkte dabei die blutende Wunde an seiner Stirn. „Du bist verletzt!“ Sie legte ihm eine Hand auf die Schulter. Seine Bewegungen wurden merkbar ruhiger und er blickte sie mit müden Augen an. „Meine Herrin Claire? Warum seid ihr hier? Ihr solltet nicht, wir …“, schwach seufzte er und sein Blick fiel erschöpft zur Seite. Die Frau hob sein Gesicht in ihr Blickfeld und sah ihn besorgt an. „Ich bin es, Gustav. Catherine“, sprach sie sanft. Die Augen des verwirrten Mannes weiteten sich überrascht. „Catherine? Aber ihr wart doch …“ Entkräftet sank er auf die Knie. Zwei Wachleute hoben ihn hoch, stützen ihn und gingen mit ihm zur Kutsche zurück. In der Kabine wurde seine Wunde schnellstmöglich behandelt und nachdem er sich kurz erholen konnte, begann er zu erzählen, was er noch von dieser Nacht wusste. Vom Beginn ihrer Reise bis zu seinem Sturz vom Wagen herunter.
„Und wo ist meine Schwester jetzt?“, fragte sie ihn mit feuchten Augen. „Ich weiss es nicht, Herrin“, antwortete er erschöpft. Gustav hielt sich eine Hand an die Stirn. „Nachdem ich zu mir gekommen war wanderte ich benommen an der Strasse entlang. Wenn sie euren Weg nicht gekreuzt haben, muss ihnen etwas zugestossen sein“, fuhr er fort. Catherine stieg hastig aus und winkte die sechs Reiter zu sich. „Sucht die Passstrasse ab. Auch abseits des Weges.“ Sie warf jedem der Soldaten einen hoffnungsvollen Blick zu. „Ihr müsst sie finden.“
Die Männer machten sich sogleich in Zweiergruppen auf den Weg. Die Kutsche blieb mit Catherine, zwei Gardisten und Gustav am Strassenrand stehen. Ungeduldig wartete sie auf die Rückkehr einer erhofften, guten Nachricht.
Der Morgen dämmerte bereits und ein Reiter nach dem anderen kehrte erfolglos zurück. Doch zwei der sechs kamen im Galopp zurück. Gustav sass am Strassenrand und kratzte sich an seiner Wunde, als er sie heraneilen sah. Einer der Beiden stieg geschwind vom Pferd ab und eilte zu Catherine, die bereits vor der Kutsche stand. Er hörte die Worte des Mannes nicht. Die Reaktion der Frau reichte aber aus, um zu verstehen, dass er etwas gefunden hatte. Catherine sackte weinend zusammen. Der Soldat versuchte, sie zu halten und half ihr, sich wieder aufzurichten. „Zeigt mir die Stelle, SOFORT!“, sprach sie ernst. Es lag viel Trauer in ihrer Stimme. „Ich will sie sehen!“ Die Reiter nickten ihr einmal kurz zu, setzten sich erneut auf ihre Pferde und warteten auf den Rest der Gruppe.
Der Morgen war inzwischen angebrochen und die ersten Sonnenstrahlen zeigten sich am Horizont. Der helle Schein fiel auf eine zerstörte Kutsche, welche zwischen zwei Bäumen eingeklemmt war. Catherine stand vor dem geborstenen Wrack, betrachtete niedergeschlagen ihre Schwester, welche leblos in den Trümmern lag. Zögerlich ging sie auf sie zu und schwer atmend sank sie neben dem liegenden Körper auf die Knie. Die Tränen flossen wie kleine Flüsse an ihren Wangen herunter. Mit einer Hand strich Catherine ihrer Schwester eine Haarsträhne aus dem toten Gesicht. Anschliessend legte sie ihre Finger auf die Stirn und fuhr langsam über die trüben Augen, wischte den starren Blick des Todes beiseite. Schluchzend fiel Catherines Stirn auf die Brust ihrer Schwester und mit einem schmerzenden Schrei verlieh sie ihrer Trauer eine Stimme.
Nur langsam richtete sie sich auf, brachte mühselig ihre Emotionen wieder unter Kontrolle. Eine Hand hielt sie fest geschlossen um den Anhänger um ihren Hals. „Und wo ist er?“, fragte sie leise den Soldaten an ihrer Seite. „Wo ist Roland?“ Sie warf einen verzweifelten Blick zu ihren Begleitern. „Es fehlt jede Spur von ihm“, sagte der Hauptmann.
„Hier sind lauter Fussabdrücke!“, rief eine Wache dazwischen. „Sie führen weg von der Unfallstelle!“ Catherine stand zügig auf und drehte sich zu ihren Begleitern um. Sie gab zwei Soldaten den Befehl, ihre Schwester in die Kutsche zu bringen und schloss sich dann dem Fährtenleser an. „Los, weiter“, befahl sie ernst und liess die Wache vorausgehen.
Es dauerte nicht lange, bis sie eine Klippe erreichten. Die Wachleute standen am Rande des steilen Abhanges und blickten auf den riesigen Wald herunter. „Ich hatte völlig vergessen, wie gross der Darkwinter eigentlich ist“, seufzte einer.
„Hier endet die Spur, Herrin“, meldete der Fährtenleser und kam auf einem kleinen Vorsprung zum Sillstand. Er blickte über die steinige Klippe nach unten. „Da unten ist ein See, vielleicht ist er….“ „Wie lange dauert es, um die Klippen zu überwinden?“, wurde er energisch von Catherine unterbrochen. „Es wird einige Stunden dauern, wenn ihr vorhabt, zu klettern, Herrin“, argumentierte er. Er machte eine Geste mit dem Arm zur Seite des Berges. „Der einfachste Weg führt über die Passstrasse zurück. Das würde schneller gehen, um nach unten zu kommen.“ „Gut, dann los“, entschied sie bestimmend, drehte sich um und ging mit schnellen Schritten zum Wagen zurück. Ihre Begleiter folgten ihr still.
Category Story / All
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Nach dem Lesen ist mir mal wieder aufgefallen, wie schnell die Zeit vergehen kannn wenn man mal irgendwo in spannenden Sachen drin steckt..
Auch wenn mir da noch einiges an Hintergrundwissen fehlt konnte ich mich durch deine Schreibweise sehr gut in die Charaktere hineinversetzen... und will mehr!
Wie auch bei anderen Kapiteln und Strängen kann ich mich inhaltlich und grammatikalisch absolut nicht beklagen! Es liest sich wie immer sehr rund, ohne Holpler oder Hänger mittendrin.
Da ich großer Freund von vulgärer Sprache in Stories aber auch von klassischem bin, finde ich wieder sehr gelungen wie du das hier integriert hast! Klar Geschnackssache, aber so erhält man auch tiefere Einblicke in den Charakter selbst.
Da ich mir beim Lesen immer sehr gerne Zeit lasse und mir die Umgebung und die Atmosphäre immer sehr gerne gedanklich vorstelle.. was hier wieder ohne Probleme möglich war durch deine einwandfreien Beschreibungen von Umgebungen, war ich eigentlich von Anfang an direkt drin.
Ein offenes Ende.... Weil nur 1 Kapitel.
Klar und völlig normal, aber ich habe sehr großes Interesse dort direkt weiterzulesen:)
Auch wenn mir da noch einiges an Hintergrundwissen fehlt konnte ich mich durch deine Schreibweise sehr gut in die Charaktere hineinversetzen... und will mehr!
Wie auch bei anderen Kapiteln und Strängen kann ich mich inhaltlich und grammatikalisch absolut nicht beklagen! Es liest sich wie immer sehr rund, ohne Holpler oder Hänger mittendrin.
Da ich großer Freund von vulgärer Sprache in Stories aber auch von klassischem bin, finde ich wieder sehr gelungen wie du das hier integriert hast! Klar Geschnackssache, aber so erhält man auch tiefere Einblicke in den Charakter selbst.
Da ich mir beim Lesen immer sehr gerne Zeit lasse und mir die Umgebung und die Atmosphäre immer sehr gerne gedanklich vorstelle.. was hier wieder ohne Probleme möglich war durch deine einwandfreien Beschreibungen von Umgebungen, war ich eigentlich von Anfang an direkt drin.
Ein offenes Ende.... Weil nur 1 Kapitel.
Klar und völlig normal, aber ich habe sehr großes Interesse dort direkt weiterzulesen:)
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